Der Facebook Edgerank: Auswirkungen auf Fanpages und Nutzer

Nachdem ich mich in meinem letzten Artikel mit der neuen Eigenschaft des Edgeranks beschäftigt habe, Statusmeldungen präferiert nicht zu zeigen sondern die Leute dafür doch lieber zahlen zu lassen um die gleiche Sichtbarkeit wie vorher zu ermöglichen, habe ich mir diesen Vorgang kontextuell mit den Statistiken der Boxedpages Fanpage auf Facebook visualisieren lassen. Und bin zu wirklich erstaunlichen Erkenntnissen gekommen.

So ist ab der Veröffentlichung der Sponsored Postings in Deutschland auch die Reichweite der Fanpages um 20% zurückgegangen. Im Normalfall hatten wir immer um die 40 – 50 Personen welche, in welcher Form auch immer die Möglichkeit hatten auf unsere Posts zu reagieren und in deren täglichen Newsfeed bzw. Walleinträgen wir erschienen sind. Nun gut, mit gerade mal rund 80 Likes sind wir auf Facebook noch eine kleine Nummer. Aber im Umkehrschluss hieße dies, dass im günstigen Falle tatsächlich alle 80 User die unsere Page geliked haben auch unsere Postings sehen. Wenn wir das jetzt noch herunter brechen auf die übliche Nutzerinteraktion mit Fanpages (ca. jeder 100. interagiert mit einem Post), erreichen wir dennoch rund 50 % der potentiellen User mit einem Post, also rund 40 – 50 Personen.
Seit dem Edgerank Update und den Sponsored Postings sieht es paradoxerweise ganz anders aus, zunächst ist die Reichweite um 20 Prozent zurückgegangen, obwohl genau am Tage des Edgerank Updates auch viel mehr Interaktion mit dem aktuellsten Post in Form des Teilens von Beiträgen vorhanden war und nach Adam Riese dann auch expotentiell die Reichweite hätte erhöht werden müssen. Dies war jedoch nicht der Fall. Die Zahlen des vergangenen Donnerstags bzw. Freitags blieben bei 39 Personen. Es könnte ja aber auch nur Zufall gewesen sein und an diesen beiden Tagen war recht wenig los aber die Tage darauf sprachen ebenfalls nur von rund 39 Personen welche in unsere Reichweite gehörten. Zumindest wäre es naiv diese Meinung zu untermauern und offen stehen zu lassen.

Boxedpages Fanpage Statistik Mai / Juni 2012

Boxedpages Fanpage Statistik Mai / Juni 2012

Auf jeden Fall hat mich dieser Gedanke nicht losgelassen und ich habe weiter geforscht, und in Interviews bzw. den spärlich gesäten Blogposts Facebooks diverse Hinweise darauf gefunden dass Facebook nur Posts darstellt welche für die Nutzer tatsächlich interessant sind. Vorstellbar für diese vagen Metriken, wäre ja dass dies auf geteilte Inhalte bzw. Likes zurückgeht. Dagegen spricht allerdings die Nutzungsstatistik unserer Facebook Fanpage. Also kann der Grund nur monetarischen Ursprungs sein.
Laut Golem.de und anderer Quellen lassen sich Sponsored Posts in vier groben Stufen kaufen und mit jeder Stufe erhöht sich die relative Reichweite.

  • +25 Prozent
  • +50 Prozent
  • +75 Prozent
  • +100 Prozent

Was bedeutet dies für die Fanpage und die Seitenadministratoren? Mit der ersten Stufe kauft man sich die Reichweite die man ohnehin gehabt hätte. Wäre da nicht der Edgerank und verkürzt die Sichtbarkeit der Statusmeldungen und Posts auf Seiten der Fanpagebetreiber UND der Nutzer.

Mit dem Betreiben einer Fanpage konnte man sich als solches noch vor einigen Monaten auf Facebook glücklich schätzen, wir sind auch zufrieden mit der Entwicklung unsere Community sowohl auf Facebook als auch auf Twitter, Google+ und Co. Aber die Behandlung der Nutzer und der Webseitenbetreiber könnte auf Facebook auf jeden Fall vollkommen anders aussehen. Sobald es den Nutzern bewusst wird, dass relativ wenig Feedback auf eine einzelne Statusmeldung kommt und sie in anderen Netzwerken mit einer gleichwertigen Meldung vielmehr Feedback bekommen werden sie auch dementsprechend schneller umsteigen. Denn was gefährdet wird sind die Social Needs: Also Anerkennung, Feedback und Neuigkeiten befreundeter Personen und Geschäftskollegen. Aber es hat auch sein Gutes: Wir werden Zeitzeugen von Facebooks schleichendem Untergang.

Nur zum Vergleich: Für andere Netzwerke wäre eine Behandlung der Nutzer in dieser Weise katastrophal. Twitter bspw. hat sogenannte Sponsored Tweets und auch hier ist zuerst eine kontroverse darum Entstanden wie damit am besten umgegangen wird oder ob diese überhaupt in das Netzwerk integriert werden sollten. Die Sponsored Tweets gibt es nun doch seit geraumer Zeit bei Twitter, allerdings ohne irgendwelche Meldungen zu entfernen oder in Feeds nicht anzuzeigen, weil Information in Twitter essentiell ist. Man kann sich also einen üblichen Twitterfeed mittlerweile vorstellen wie eine Art Film mit kleinen Werbeclips dazwischen welche aber nicht negativ auffallen weil sie in dem Schwall aus Tweets untergehen. Eben genauso wie Werbung sein sollte.
Wenn man sich bei Twitter jetzt allerdings für die momentan bei Facebook implementierte Lösung entschieden hätte, wäre Twitter schon längst weg vom Fenster. Hier wären Tweets einfach nicht erschienen und Werbung wäre über Tweets von Nutzern priorisiert worden. Also hat man sich für den Kompromiss entschieden einfach mehr Tweets darzustellen und die Werbung sozusagen dazwischen zu mischen.

Wenn Facebook sich auch für eine solche Lösung entschieden hätte, bzw. das System so wie es jetzt im Moment ist einfach beibehalten hätte und vielleicht an den Anfang der jeweils dargestellen Wall einen Sponsored Post gestellt hätte, wäre alles nicht so schlimm gewesen. Aber man hat den folgenschweren Fehler gemacht und sich selbst zensiert. Und das obwohl man seinen eigenen (Werbe-)Kunden verspricht über Facebook auch möglichst valide und zuverlässige Daten zur Verfügung zu stellen. Wenn wir uns parallel zu der Entwicklung bei Facebook den Abgang der regionaleren Social Networks wie den VZ-Netzwerken oder wkw anschauen, sieht man auch dort die Entwicklung der Datenvalidität und Qualität deutlich herab senken. Was zum Einen daran liegt das Nutzer keine Relevanz mehr sehen ihre Daten zu pflegen weil die Kontakte verschwinden und zum anderen weil Fakeprofile einfach immer auf sozialen Netzwerken vorhanden sind. Und es wäre ja tragisch wenn es eines Tages nur noch Profile von bspw. Grace Kelly auf Facebook vorhanden wären, ganz einfach weil die Nutzer keine Lust dazu haben sich verarschen zu lassen.

Ursprünglich war der Edgerank übrigens dazu gedacht im Sinne des Nutzers passende Seiten, Produkte etc zu finden und nicht gegen ihn zu verwenden. Im Laufe der vergangenen Monate (mit Dank für den tollen Artikel an den Gefahrgut-Blog) ist die Entwicklung jedoch eher in Richtung Selbstzensur übergegangen.

Was haltet Ihr von Facebooks Selbstzensur und offensichtlicher Willkür gegenüber Nutzern und Werbekunden? Wir sind auf Eure Antworten wie immer gespannt.

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